Tübingen. Knapp 80 Zentimeter unterm Kopfsteinpflaster beginnt der Cyberspace. Was es mit diesem erst später in Mode kommenden Begriff auf sich hat, und wozu Netze einmal nützlich sein könnten, das wussten Tübingens Tiefbauer Anfang des letzten Jahrzehnts nicht so genau. Gleichwohl legten sie in jeden Graben, den sie aufrissen, Strippen und Leerrohre - Kabel kilometerweise. Über die Jahre wucherten die Enden zu engmaschigen Geflechten zusammen, deren Zeit nun zu kommen scheint. Wenn übernächstes Jahr die Telekom das Leitungsmonopol verliert, erwächst ihr auch in den Kommunen Konkurrenz.
Die an Leitungen gebundene öffentliche Telekommunikation ist seit jeher eine hoheitliche Aufgabe der Post. Bislang sind lediglich geschlossene Netz-Inseln für die interne Nutzung zugelassen, etwa innerhalb von Amtsgebäuden, für Behörden, aber auch für größere Firmen mit verschiedenen Standorten. Lokale Beispiele dafür sind die staatlichen Behörden (Sammelnummer 757) oder die Universität samt Kliniken (Sammelnummer 29).
Im Zuge der europaweiten Privatisierung der sich explosionsartig ausweitenden Telekommunikation verliert die Post - heute Telekom - ihre Monopole. Im Mobilfunkbereich hat sie bereits Konkurrenten, vom 1. Januar 1998 an dürfen auch private Netzbetreiber gegen sie antreten. Anders als beim Aufbau drahtloser (Fern-)Verbindungen erfordert die Installation von flächendeckenden Kabelnetzen, vor allem innerhalb von Städten, aber enorme Investitionen, nicht zuletzt im Tiefbau. Damit geraten jene in eine günstige Wettbewerbsposition, die bereits eigene, bislang interne Verbindungen geknüpft haben. Bei der Stadt Tübingen hat man diese Chance erkannt. Die Veränderung des politisch-rechtlichen Rahmens lässt Oberbürgermeister Schmid bereits darüber nachdenken, "wie wir uns künftig in diesem profitablen Markt tummeln könnten". Die technische Voraussetzungen sind nicht schlecht, bislang gibt es drei stadteigene Netze:
" Da ist einmal das Telefonnetz (Sammelnummer 204), das mehrere Dutzend städtische Dienststellen - vom Rathaus über Schulen, Kindergärten bis zu Bauhöfen und Verwaltungsstellen - miteinander verbindet und derzeit über 600 Endstellen hat. Glanzstück des durch Richard Heß vom Hauptamt gepflegte Networks ist eine Glasfaser-Datenautobahn zum Technischen Rathaus in der Brunnenstraße.
" Es gibt zweitens das vom Tiefbauamt verwaltete Ampelnetz, alle verkehrabhängigen Signalanlagen der Stadt sind darin eingebunden. Zentral- und Gebietsrechner empfangen Informationen über das Fahrzeugaufkommen, klügeln die günstigste Lösung aus und steuern via Ampelimpulse den Verkehrsfluss. Die Kläranlage und etliche Regenüberlaufbecken sollen nach ähnlichem Muster miteinender verbunden werden. Amtsleiter Albert Füger: "Überall, wo sowieso ein Loch offen war, haben wir Kabel reingelegt. Der unschätzbare Vorteil dabei ist, dass die Tiefbaukosten nur einmal anfallen."
" Schließlich drittens die Leitungen der Stadtwerke: Einerseits die Telefonanlage (Sammelnummer 157), andererseits ein über die ganze Stadt verzweigtes Fernwirknetz, das es den Stadtwerkern erlaubt, so unterschiedliche Anlagen wie Transformatoren, Heizkraftwerke oder Wasserbehälter von einer zentralen Leitwarte aus zu "fahren".
Unter der Federführung von Stadtwerke-Chef Friedrich Weng verschafft sich seit wenigen Monaten eine Arbeitsgruppe einen Überblick über die städtischen Netze. Im Sinne einer umfassenden Bestandsaufnahme wird beispielsweise ermittelt, wie viele Adern auf welcher Strecke liegen, für welche Frequenzbereiche und Kommunikationsart sie taugen, zu welchem Anteil sie ausgelastet und wo die Netzteile lückenhaft sind.
Im Zweiten Schritt soll ein Ausbauplan entworfen werden. Soviel ist laut Weng klar: "Damit ein flächenhaftes Ganzes draus wird, brauchen wir noch den einen oder anderen Knotenpunkt, aber Millionen werden wir nicht mehr ausgeben müssen." Der dritte, langfristige Arbeitsschritt konzentriert sich für Weng auf die Frage: "Wie verwerten wir dieses Netz ?", oder wie Füger sagt: "Was können wir nun Schönes damit anstellen ?"
Einträglich wird es für die Stadtkasse, das liegt auf der Hand, wenn das verwobene städtische Netz (oder Abschnitte davon) für Dritte geöffnet wird. Die kommunale Dienstleistung könnte laut Weng bei der "Standleitung, die wir an eine Firma vermieten", beginnen. Beim digitalen Datentransfer nämlich ist es unerheblich, ob auf der Ampelleitung zusätzlich telefoniert wird, ob die Trafoschiene parallel mit Fax- und Videosignalen befahren wird, ob im Klärwerknetz gleichzeitig Internet-Surfer unterwegs sind.
Die Überlegung, wo der Service noch überall hinführen kann, ist so schillernd wie der Cyberspace selbst. Wenn um die Jahrtausendwende etwa einer der privaten Telekom-Konkurrenten ans Stadttor klopfen würde - die zigtausend örtlichen Telefon- und Daten-Kunden vor Augen - das kommunale Netz brächte sie ihm näher. Kaum ein Haushalts-Anschluss liegt weiter als 300 Meter vom nächsten städtischen Netpunkt entfernt, und diese letzte Lücke soll ohnehin drahtlos geschlossen werden. "Das ist noch Zukunftsmusik", dämpft Weng aktuelle Erwartungen, "aber in diese Richtung denken wir".
http://www.tagblatt.de
Die Hartmetall- und Werkzeugfabrik Paul Horn ist nicht nur Namensgeber der Sport- und...
Die TüNet-Mixtur aus coolem Plan und heißem Ergebnis: So reiten Sie entspannt durch die Feiertage.
Breitbandförderung und mittelstandsorientierte IT-Politik waren die zentralen Themen der 11...