TÜBINGEN (an). Eine Beschreibung der Stadtwerke könnte so aussehen: Sie sind die Grundversorger für moderne Haushalte oder Betriebe, liefern Strom und Wasser, Gas oder Fernwärme. Mit dem TüNet sind die Tübinger Stadtwerke jetzt in eine weitere Sparte eingestiegen: Telekommunikation und Datentransfer.
Von der euphorischen Liberalisierungs-Stimmung der Telekommunikations-Branche, die sich noch vor zwei Jahren fette Umsätze und hohe Gewinne erhoffte, ist beim TüNet allerdings wenig zu spüren. Dort beobachtet man derzeit eher, wie sich Telekom und Konsorten am Markt zerfleischen, und sucht nach der Nische, in der die vor einem Jahr gegründete Tochtergesellschaft der Stadtwerke trotzdem noch profitabel agieren kann. "Wir betrachten das Geschäft sehr nüchtern, weil wir sehen, wie es den Großen geht und welche Probleme sie haben", sagt TüNet-Geschäftsführer Herbert Weitzenberg. Mit Vorsicht und Behutsamkeit soll deshalb der neue Geschäftszweig entwickelt werden. Statt mit enormen Vorinvestitionen ein flächendeckendes Datennetz aufzubauen, besinnt sich die TüNet auf die alte schwäbische Tugend: Zuerst schaut man mal, was da ist. Und versucht das optimal zu nutzen.
Der Bestand, auf den die Tübinger Telekommunikations- Gesellschaft zurückgreifen kann, ist das Leitungsnetz der Stadt und der Stadtwerke. Es wurde einst aufgebaut, um die Außenstellen der Stadtverwaltung und der Stadtwerke zu vernetzen, die Daten von Fernwärmestationen oder Wasserbehältern in die Technik-Zentrale im Eisenhut zu übermitteln. Das Leitungsnetz ist allerdings noch ziemlich dünn, seine Reichweite ausbaufähig. Bisher umfasst das TüNet 150 Kilometer, das meiste davon sind Kupferkabel und nur 10 Kilometer Glasfaserkabel.
Doch immer, wenn jetzt neue Wohngebiete und vor allem Gewerbegebiete erschlossen werden, legen die Stadtwerke neben Wasser- und Gasleitungen gleich Datenleitungen ins Erdreich. Oder zumindest leere Rohre, in die dann nachträglich die Strippen zur Datenübertragung eingezogen werden können. In der Südstadt, am Steinlachwasen, im Güllen: "Da sind wir natürlich voll dabei", sagt Weitzenberg. Denn dort sitzen auch die Kunden, die die TüNet-Gesellschaft anvisiert: Firmen und Dienstleister mit hohem Bedarf an Kommunikations-Technologie. Zum Beispiel Internet- Dienstleister, Firmen mit Telearbeitsplätzen oder Dienstleister, deren Filialen über das Stadtgebiet ständig mit Datenleitungen verbunden sind.
Der größte Betrieb in Tübingen ist tatsächlich auch schon Kunde bei TüNet: die Universität. Die Datenleitungen auf dem Campusgelände (zum Beispiel an der Wilhelmstraße) werden zwar vom Zentrum für Datenverarbeitung betreut. Gehen die Leitungen jedoch über öffentliche Grundstücke, wird neben der Telekom jetzt auch das Angebot der TüNet geprüft. Letztere erhielt auf diese Weise den Zuschlag, das Schloss Hohentübingen an das universitäre Datenzentrum anzuschließen. Auch das Psychologische Institut in der Gartenstraße und einige andere Nebengebäude wurden über das TüNet vernetzt.
Privathaushalte und Einzelkunden sind für die TüNet dagegen weniger interessant. "Da lohnt es sich nicht, einen Meter zu graben", sagt Weitzenberg. Denn Leitungen zu verlegen ist teuer. Die hohen Tiefbaukosten sind ein Schlüsselfaktor, wenn es um die Telekommunikation in städtischen Gebieten geht. 200 Mark kostet nach Auskunft von Weitzenberg ein Meter. "Das geht natürlich schnell ins Uferlose". Deswegen tun sich auch viele überregionale Telekommunikations- Firmen so schwer mit den so genannten City-Netzen. Die Leitungen von der Telekom zu mieten, ist meistens nicht billig. Sie selber zu verlegen noch viel teurer. Auch darin sehen die TüNet-Leute ihre Chance: Sie können ihre Datenleitungen an größere Telekommunikations-Firmen vermieten. Wahrscheinlich sogar günstiger als die Telekom.
Bisher ist die Reichweite des TüNet noch auf die Stadt Tübingen begrenzt. Doch strebt Weitzenberg in den kommenden Jahren einen "behutsamen Ausbau" an, indem Kooperationen mit anderen Versorgungsunternehmen geschlossen werden. Die TüNet-Lizenz erstreckt sich auf den ganzen Landkreis. Nicht jeder darf nämlich einfach als Telekommunikations-Dienstleister an den Markt gehen, auch wenn das einstige Telekom-Monopol gefallen ist. Wer in die Branche will, wird zuvor von der Regulierungsbehörde auf Herz und Nieren geprüft. Zum Beispiel, ob bei Störungen eine Service-Abteilung die Netz-Schäden reparieren kann. Auch hier profitiert die TüNet von ihrer engen Verflechtung mit den Stadtwerken, deren Techniker über jahrelange Erfahrung mit Übertragungstechnik verfügen.
Derzeit ist die TüNet noch ein Kleinbetrieb mit einem Geschäftsführer und drei Angestellten. Eventuell wird demnächst ein Vertriebsmitarbeiter beschäftigt. Doch selbst hier übt sich Weitzenberg - recht unüblich für die aggressiv umworbene Branche - eher in Zurückhaltung: "Der Markt ist in Tübingen durch die begrenzte Ansiedlung des Gewerbes eher bescheiden. Der Kundenkreis ist sehr begrenzt."
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