07.01.98

Total unübersichtlich für den Verbraucher ...

Telefonkunden sollten jetzt nichts überstürzen / Auch die Stadtwerke sind auf dem Sprung

Tübingen (ede). Die seit dem 1. Januar geltende neue Wahlfreiheit bei den Telefongesellschaften hat eine neue Unübersichtlichkeit gebracht. Bundesweit konkurrieren 47 Anbieter mit der Telekom. Sie sind jedoch nicht überall und nicht für jeden da. Noch dieses Jahr wollen sich die Tübinger Stadtwerke vom großen Gebühren-Kuchen ihr Stück abschneiden.

Bisher können lediglich Kölner und Düsseldorfer auch Ortsgespräche über einen Telekom-Konkurrenten führen. Der Rest der Privathaushalte in der Republik kann über einige neue Anbieter nur in die Ferne telefonieren. Neben der baden-württembergischen "Communicationsnetze Süd-West" (CNS) haben auch bundesweit agierende Firmen (Arcor, otelo) ein Büro in Stuttgart, die Normalverbrauchern das Telefonieren anbieten. Dabei gibt es Zwei Möglichkeiten: Bei der "Call by Call"-Variante sucht sich der Anrufer, je nach Gusto seinen Netzbetreiber, einen Telekom-Konkurrenten, über eine bestimmte Telefonnummer aus, wählt dann Vorwahl und Rufnummer des anderen Anschlusses. Die Rechnung für diese Ferngespräche kommt von der Konkurrenz.

Dagegen schließt der Telefonkunde beim "Preselect"-Verfahren einen (Fernsprech-)Vertrag mit dem neuen Wettbewerber. Sämtliche Fernverbindungen laufen über dessen Computer, ohne dass die entsprechende Nummer der Gesellschaft gewählt werden muss (derzeit geht der Streit darum, ob die Telekom berechtigt ist, eine Ablösesumme zu verlangen, falls der Kunde seine alte Telefonnummer zum neuen Anbieter mitnimmt). Die Ortsgespräche werden allerdings weiterhin über die Telekom abgewickelt. Zwei Rechnungen flattern ins Haus.

Doch jeder der neuen Konkurrenten hat unterschiedliche Gebührenstaffelungen: Nicht nur, dass je nach Tages- und Nachtzeit sowie nach Entfernung bei anderen Firmen auch andere Preise gelten. Hier wird nach Minuten, dort sogar nach Sekunden abgerechnet, dann gibt es Rabatte für Vieltelefonierer, unterschiedlich hohe Anmeldegebühren oder monatliche Mindestumsätze. "Das ist entsetzlich für den Verbraucher", schimpft Birgit Ackermann von der Stuttgarter Verbraucherzentrale, "es ist kompliziert und unübersichtlich, absolut verbraucherunfreundlich."
Ackermann rät daher, "nichts zu überstürzen". So sollte jeder sein individuelles Telefonierverhalten aus den letzten Telefonrechnungen erforschen. Erst wenn klar sei, zu welchen Zeiten, wie lange und wohin man Gespräche geführt hat, könne dann gezielt nach neuen Anbietern gesucht werden.

Die derzeitige Verwirrung soll sich in "mindestens einem halben Jahr" klären, ist die Verbraucherberaterin zuversichtlich. Im Frühjahr gelten die neuen Tarife der Telekom. Dann erwarte sie den Beginn übersichtlicher Strukturen sowie Entscheidungserleichterungen für den Verbraucher, zum Beispiel durch entsprechende Software, die das Telefonierverhalten errechnet. Abwarten, heißt also ihre Devise. Die Telefonkunden scheinen auch nicht gerade euphorisch auf die neue Wahlfreiheit gewartet zu haben. "Bisher hat es bei uns so gut wie keine Anfragen gegeben", sagt sie.

Weder über die Gesamtzahl der Anschlüsse noch über die der Wechselwähler und Abmeldungen im Tübinger und Reutlinger Kreis seit dem 2. Januar kann Klaus Metzner, Pressesprecher der Telekom in Rottweil, etwas sagen. Aus Gründen des Wettbewerbs hält er sich mit Auskünften stark zurück. Keine Angaben auch zu möglichen Konkurrenten in der Region und zum Marktvolumen im expansiven Telefonsektor.
 
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